Sabine Kämpfe. Rossturk.

Zuhause im Fremdsein

Wenn Sabine Kämpfe von einer Reise zurückkommt, bleibt der Koffer zunächst dort stehen, wo sie ihn abstellt. Nicht aus Erschöpfung, sondern aus Absicht. Es ist ein kurzer Moment des Ankommens – dann geht sie hinaus ans Meer. „Zurückkommen und sofort da sein“, nennt sie das. Die Gezeiten übernehmen den Takt, das Rauschen des Atlantiks ersetzt Flughafendurchsagen und Termindruck. Hier, sagt sie, beginnt etwas wie Ruhe.

Sabine Kämpfe lebt an einem abgelegenen Ort an der irischen Küste, gemeinsam mit ihrem Partner Gunther Seipel. Wer diesen Ort erreicht, muss ihn wollen. Es ist kein Platz für Durchgangsverkehr, kein Ort der schnellen Begegnung. Und genau das macht ihn für sie so wichtig. „Der Ort gibt mir Kraft“, sagt sie schlicht. Er fordert nichts, erklärt nichts, bewertet nichts.

Ihr Leben beschreibt Sabine als ein „Leben zwischen den Welten“. Sie ist viel unterwegs, fliegt, arbeitet, bewegt sich durch eine Welt der Geschwindigkeit und Erwartungen. Und kehrt immer wieder hierher zurück. „Ich lebe zwischen der Hektik draußen und dieser Stille“, sagt sie. Beides gehört zu ihr. Dauerhafte Bewegung wäre ebenso unerträglich wie permanentes Verharren. Das Dazwischen ist ihr Raum.

Zuhause zu sein, das war für Sabine nie selbstverständlich. „Ich habe mich überall schon als Fremde gefühlt“, sagt sie. In Irland erlebt sie dieses Gefühl erstmals nicht als Mangel. Im Gegenteil. „Hier bin ich wirklich fremd, und damit kann ich zu Hause sein.“ Das Fremdsein wird akzeptiert, ja respektiert. Niemand erwartet Anpassung, niemand verlangt Zugehörigkeitsbeweise. Man wird in Ruhe gelassen – und genau darin liegt für sie eine tiefe Form von Anerkennung.

Ein zentraler Ort ihres Alltags ist das Baumhaus. Es ist Rückzugsraum, Beobachtungsposten und Denkraum zugleich. Von hier blickt Sabine auf das Meer, verfolgt die Gezeiten, das stetige Kommen und Gehen des Wassers. „Die Natur ist wie ein Spiegel“, sagt sie. „Hier kann ich mich am besten sehen und spüren.“ Ohne Filter, ohne Ablenkung, ohne Rollen. Die Landschaft antwortet nicht – und gerade deshalb wird sie zum Gegenüber.

Nach Tagen des Unterwegsseins wird das Auspacken des Koffers zu einem Ritual. Dinge werden abgelegt, Tempo reduziert, Gedanken sortiert. Sabine geht an den Strand, steht im Wind, schaut aufs Wasser. „Zurückkommen und sofort da sein“ bedeutet für sie, sich nicht erst erklären zu müssen – weder sich selbst noch anderen. Der Ort erlaubt Präsenz, ohne Forderung.

Das Meer mit seinen Gezeiten, das Baumhaus, die Stille – all das sind keine romantischen Kulissen, sondern Bedingungen. Sabine sucht hier keine Idylle, sondern Wahrhaftigkeit. „Ich muss nicht ankommen, um da zu sein“, sagt sie. Vielleicht liegt darin ihr Verständnis von Zuhause: nicht als Besitz, nicht als fester Punkt auf der Landkarte, sondern als Zustand. Einer, der im Fremdsein beginnt und in der Ruhe endet.

Sabine Kämpfe bleibt beweglich. Sie legt sich nicht fest, weder geografisch noch biografisch. In fünf Jahren, sagt sie, könne alles anders sein. Aber für den Moment trägt dieser Ort sie. Still, offen, ohne Versprechen. Und genau das reicht.

Der Ort gibt mir Kraft.

Der Ort gibt mir Kraft