Markus Karcher. Derry.

Zwischen Aufbruch und Abschied

Als Markus spricht, ist da viel Bewegung. Gedanken springen vor und zurück, Erinnerungen öffnen neue Schleifen, Ärger und Zuneigung liegen dicht beieinander. Es ist das Gespräch eines Mannes, der Irland nicht einfach verlassen will – sondern es nach mehr als anderthalb Jahrzehnten verlässt, weil er es zu gut kennt.

Markus ist Anfang der 1990er-Jahre nach Irland gekommen. Er war 21, frisch ausgebildeter Krankenpfleger aus dem Nordschwarzwald, politisiert vom ersten Golfkrieg, aktiv in der Anti-Kriegs- und Dritte-Welt-Bewegung. „Ich habe ziemlich intensiv gelebt“, sagt er rückblickend. „Ich bin wie ein Verrückter geradelt.“ Auto- und Fahrradkilometer hielt er bewusst im Gleichgewicht. Schon damals war klar: Es ging ihm um Haltung, nicht um Bequemlichkeit.

Irland war keine zufällige Wahl. Die Verbindung begann früh – über Freunde, Musik, Filme. „Meine zweite Musikkassette war von den Dubliners“, sagt Markus. 1990 kam er zum ersten Mal selbst nach Irland: eine zweiwöchige Radtour mit seinem Cousin. „Wir sind von der Fähre runtergerollt, strahlender Sonnenschein – Irland hat sich von der besten Seite gezeigt.“ Das Land ließ ihn nicht mehr los.

Als Kriegsdienstverweigerer suchte Markus nach einer Alternative zum Zivildienst im deutschen Krankenhaus. „Ich wollte nicht als billige Arbeitskraft für den Staat arbeiten – als voll ausgebildeter Krankenpfleger.“ Über den Internationalen Christlichen Friedensdienst EIRENE fand er schließlich ein Projekt in Nordirland. Dass es Derry wurde und nicht Belfast, war eher Zufall – aber ein glücklicher. „Man meinte, ich passe besser in eine kleinere Stadt. Ich komme vom Dorf, bin naturverbunden.“

Der Einstieg war hart. „Ich habe die Leute kaum verstanden – der Akzent, das Tempo.“ Dazu kam Heimweh, Militärpräsenz, die Größe der Stadt. Markus begann, Briefe zu schreiben. Viele. „Ich habe alle in Deutschland mit endlosen Briefen gequält.“ Halt gab ihm die Gemeinschaft der Freiwilligen. „Wir haben ziemlich fest zusammengehalten.“

Mit der Zeit wurde es leichter. Das Englisch kam, Freunde kamen, Musik und Tanz kamen. „Ich wollte nicht nach 17 Monaten wieder gehen. Das wäre mir zu oberflächlich gewesen.“ 1994 fiel die eigentliche Entscheidung zu bleiben – getragen auch vom politischen Moment. Der Waffenstillstand der IRA war für viele in Derry ein Einschnitt. „Da war Hoffnung. Das hat etwas mit mir gemacht.“

Was Markus an Irland faszinierte – und noch immer fasziniert – ist nicht nur die Landschaft. „Die Küsten, die Gegensätze, das Meer – klar. Aber es sind auch die Menschen.“ Er spricht von Höflichkeit, von „personal space“, von einer Kultur, die Distanz respektiert. „In Deutschland ist vieles direkter. Hier ist Direktheit oft unhöflich.“ Er selbst hat sich angepasst. „Ich habe mich ver-irisiert.“

Besonders prägend war für ihn das alte Gemeinschaftsprinzip Meitheal: gemeinsames Arbeiten, gegenseitige Hilfe. „Das Wort gibt es noch. Die Praxis kaum.“ Markus hat erlebt, wie diese Kultur verschwindet – unter dem Druck von Wohlstand, Individualismus und amerikanischem Einfluss. „Es hat sich eine Ellenbogengesellschaft entwickelt. Ein amerikanischer Individualismus: Meine Freiheit zählt mehr als die der anderen.“

Der wirtschaftliche Boom Irlands enttäuscht ihn zutiefst. Nicht wegen des Reichtums an sich, sondern wegen dessen Folgen. „Immer größere Häuser, immer dickere Autos – aber keine Kläranlagen.“ Markus wird leidenschaftlich, fast wütend, wenn er über Umweltpolitik spricht. Verseuchtes Trinkwasser in Galway, fehlende Infrastruktur, Autobahnen statt Bahnlinien. „Das ist Irland 2007 – eines der reichsten Länder Europas – und die Leute können ihr Wasser nicht trinken.“

Auch der Alltag in Derry zermürbt ihn. „Radfahren ist hier lebensgefährlich.“ Er wird angepöbelt, beschimpft. „Ich will nicht mehr beleidigt werden, nur weil ich Fahrrad fahre.“ Für Markus ist Radfahren existenziell – Ausdruck von Freiheit und Normalität. „In Freiburg bin ich einfach einer von vielen.“

Die Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland hat viele Gründe. Der wichtigste heißt Rosa, seine sechsjährige Tochter. „Seit sie da ist, denke ich viel mehr über meine eigene Kindheit nach.“ Er will, dass sie ihre Großeltern kennenlernt, Deutsch lernt, aufwächst mit mehr Bewegungsfreiheit. Auch beruflich passt der Moment: Nach Jahren im Krankenhaus, zuletzt auf der Intensivstation, hat Markus eine Stelle in Freiburg bekommen.

Und doch ist der Abschied kein klarer Schnitt. Irland bleibt Teil von ihm. Er spricht mit Zuneigung von Menschen, mit Wut über Politik, mit Trauer über verpasste Chancen. „Manchmal blutet mir das Herz.“

Markus geht nicht, weil er Irland nicht mehr liebt. Er geht, weil das Land, das er einst gefunden hat, sich verändert hat – und er mit ihm. Zwischen Idealismus und Ernüchterung, zwischen Gemeinschaft und Individualismus zieht er weiter. Nicht leicht. Aber konsequent.