Betty und Fritz Schult. Pollatomish.

Ein Zuhause im Widerstand

Als Betty Schult barfuß am Atlantik steht, die Füße im kalten Wasser, ist das für sie mehr als ein Moment der Ruhe. Es ist ein Gefühl von Ankommen. „Hier“, sagt sie, „habe ich mir bewusst meine Heimat geschaffen.“ Seit 1976 leben Betty und Fritz Schult in Pollatomish, einem abgelegenen Ort an der Westküste Irlands. Was sie hier fanden, war Freiheit – und eine Landschaft, die sie bis heute als existenziell empfinden.

Fritz war zuerst da. Er hatte diesen Ort entdeckt, die Weite, die Einsamkeit, das Meer. Betty kam zu Besuch. Aus dem Besuch wurde Liebe, aus der Liebe ein gemeinsames Leben. Zusammen bauten sie ein Hostel auf, versorgten sich anfangs weitgehend selbst. Selbstversorgung, sagen sie, sei nicht nur eine materielle Frage. Man müsse sich auch innerlich tragen können – ohne das dichte Netz aus Freundschaften, wie sie es aus Deutschland kannten. In Irland, so lernten sie, übernimmt diese Rolle die Familie.

Heute sind sie Teil einer großen irischen Gemeinschaft – nicht nur durch ihr Hostel, sondern vor allem durch ihre Kinder. Drei haben sie, der älteste stammt aus Fritz’ früherer Beziehung, die beiden jüngeren, Kieran und Angus, sind in Irland geboren. Sie verstehen sich als Iren. Kieran, inzwischen 26, kann sich vorstellen, Haus und Hostel später zu übernehmen. Durch seine irische Freundin erlebt er täglich, was Großfamilie hier bedeutet: Nähe, Verlässlichkeit, Zugehörigkeit. Er interessiert sich für seine deutschen Wurzeln, möchte wissen, woher er kommt – ohne den Wunsch, dorthin zurückzugehen.

Diese Sicherheit im Familienverbund ist es, die Betty und Fritz ruhig in die Zukunft blicken lässt. Sie haben keine Angst vor dem Altwerden. Ihren letzten Platz sehen sie hier, in Irland. Und doch ist dieses Zuhause bedroht. Seit Jahren engagieren sie sich im Widerstand gegen die von Shell geplante Erdgasleitung. Eine Versorgungsstraße wurde gebaut, ihr Land reicht bis zur Mitte der Straße – sie haben es nicht zur Verfügung gestellt. Für Betty ist der Protest mehr als politisches Engagement. Es ist ein Wiederaufleben jener Empörung, die sie schon als junge Frau in Deutschland verspürte. „Ich lebe darin meine Jugend noch einmal aus“, sagt sie. Sie ist der Motor der Bewegung.

Die Pipeline trifft sie tief. Betty spricht von Enttäuschung darüber, dass jene heile Welt, in die sie einst ausgewandert ist, nun zerstört werden soll. Die Sorge, auf einer einsamen Insel zu leben, während ringsum Raffinerien entstehen, ist für sie keine abstrakte Angst, sondern eine Existenzfrage. Der Traum vom unberührten Irland zerbricht – und mit ihm ein Teil der eigenen Identität. „Wenn man seine Heimat verliert“, sagt sie, „verliert man auch etwas von sich selbst.“

Unverständnis begegnet ihnen dabei immer wieder. Bei Demonstrationen fragte die Polizei einmal: „Warum zieht ihr nicht einfach um?“ Für Betty und Fritz ist das unvorstellbar. Zuhause ist kein austauschbarer Ort. Es ist das Ergebnis von Jahrzehnten, von Arbeit, Beziehungen und bewussten Entscheidungen. Gerade weil sie Fremde waren, fühlten sie sich hier lange frei. Diese Freiheit verteidigen sie nun.

Als Betty wieder aus dem Wasser steigt, bleibt sie einen Moment stehen und blickt hinaus auf den Atlantik. Sie fürchtet, dass genau dieser einfache Akt – mit den Füßen im Meer zu stehen – eines Tages nicht mehr selbstverständlich sein könnte. Ihr Widerstand ist deshalb kein nostalgischer Kampf, sondern der Versuch, das zu bewahren, was sie sich vor fast fünfzig Jahren neu aufgebaut haben: ein Zuhause.  

Wenn man seine Heimat verliert