Thomas und Luzia Becht. Donegal

Ein Zuhause zwischen Kühen, Küste und Konsequenz

Als Thomas Becht morgens über seine Weiden geht, prüft er nicht nur Zäune und Kühe. Er prüft, ob alles im Gleichgewicht ist. „Jeden Tag schauen, ob alles in Ordnung ist“, sagt er. Es ist ein einfacher Satz – und doch beschreibt er ein Lebenskonzept. Seit 1986 leben Thomas und Luzia Becht in Irland, genauer in Donegal. Was mit ein paar Hühnern begann, ist heute einer der größten Biohöfe des Landes: 326 Hektar, verteilt auf fünf Farmen, bewirtschaftet nach ökologisch-dynamischen Prinzipien im Demeter-Verbund.

Der Weg hierher war kein gerader. Thomas, ursprünglich Informatiker aus Altheim in Baden-Württemberg, suchte früh Unabhängigkeit. Er war Vertreter für Holzvergaser, versuchte sich im Kosmetikvertrieb, jagt gelegentlich mit Gästen und vermietet Ferienwohnungen. Unternehmerischer Pragmatismus gehörte immer dazu. Luzia, Herrenschneiderin aus Horb am Neckar und auf einem Bauernhof aufgewachsen, fand ihren Platz im Alltäglichen – und im Kontakt mit Menschen. Heute betreibt sie den kleinen Laden „Good Earth“, backt Brot, kocht Suppe, spricht mit Kundinnen und Kunden. Seit sie ihren eigenen Laden hat, sagt sie, habe sich ihr Leben komplett verändert.

Der Tagesrhythmus ist fest: um acht Uhr gemeinsames Frühstück, um neun fährt Luzia in den Laden, um zehn wird geöffnet. Thomas ist dann bei seinen Kühen – einer alten irischen, schwarz-weißen Rasse, robust und angepasst an Wind, Regen und karge Böden. „Sie kommen mit den Bedingungen hier am besten klar“, sagt er. Es passt zu seiner Haltung: Technik ja, aber nur, wenn sie sinnvoll ist. Strom erzeugt er selbst mit Wasserkraft. Mit europäischer Agrarpolitik kann er wenig anfangen. Freiheit und Eigenverantwortung zählen mehr als jede Verordnung.

2002 brannte ihr Haus ab. Eine Zeit lang lebten sie im Wohnwagen. Was geblieben ist, ist die Erinnerung an Solidarität: Nachbarn halfen, packten an, fragten nicht lange. Irland, sagen beide, habe eine besondere soziale Tiefe. Rituale wie „The Wake“ – das gemeinsame Wachen bei einem Todesfall – hätten hier noch ihren Platz. Der Tod gehöre zur Gesellschaft, nicht an ihren Rand.

Irland ist dennoch kein Bio-Paradies. Traditionelle Essgewohnheiten ändern sich langsam, Bioprodukte finden schwer Zugang. Thomas und Luzia fahren deshalb einmal pro Woche ihre Erzeugnisse quer durch Donegal zu Märkten. Es ist mühsam – und notwendig. „Man muss dranbleiben“, sagt Luzia, die montagabends im Kirchenchor singt, während Thomas als Kommunionminister tätig ist. Glaube und Arbeit, Alltag und Haltung sind bei ihnen keine Gegensätze.

Ihr Sohn Benjamin arbeitet heute als Pilot bei Ryanair. Er kann sich dennoch vorstellen, den Hof eines Tages zu übernehmen. Seine Freundin Maike studiert Forstwirtschaft und macht ein Praktikum in Irland. Auch das passt: Wald spielt für Thomas eine zentrale Rolle. Er hat selbst gepflanzt, steht gern auf einem Hügel, von dem aus er sein Land überblickt – die Kühe, die Weiden, das Meer am Horizont. „Hier fühle ich mich zuhause“, sagt er. Zuhause sei dort, wo Boden, Arbeit und Verantwortung zusammenkommen.

Ob sie hier alt werden wollen? Beide nicken. Die Landschaft bedeutet ihnen viel, die Unabhängigkeit noch mehr. Ihr Leben ist kein romantisches Aussteigeridyll, sondern ein konsequent durchgehaltener Alltag. Einer, der zeigt, dass Auswandern nicht Flucht heißen muss – sondern Ankommen. 

Hier fühle ich mich zuhause.