
Der Mann, der dem Wind zuhört
Wenn der Wind über die Hügel von Mayo streicht, klingt er hier nie gleich. Mal zieht er sanft durch das Gras, mal drückt er mit solcher Wucht gegen das Haus, dass Hans Wallner alle Türen öffnen muss, damit das Dach nicht abhebt. „Der Wind spricht“, sagt er. Und man merkt schnell: Er meint das nicht metaphorisch.
Hans Wallner lebt seit 1984 an diesem abgelegenen Ort nahe Newport, County Mayo – am Rand eines Naturschutzgebietes, umgeben von Weiden, Bachläufen und Wildnis. Einen Tag lang kann man hier gehen, ohne einer menschlichen Behausung zu begegnen. Für viele wäre das beängstigend. Für Wallner ist es Seelenbalsam.
Geboren 1954 in Wiesbaden, führte er zunächst ein klassisches bürgerliches Leben: Gymnasium, Lehramtsstudium in Mainz und Köln, Fächer Deutsch, Sport und Pädagogik. Es folgten Zivildienst als Krankenwagenfahrer, Referendariat in Siegen, Abschluss als Studienassessor. 1985 endete diese Laufbahn abrupt – symbolisch mit dem Wurf seines Schreibtisches samt Bücher aus dem zweiten Stock. Lehrerstellen gab es kaum, Berufsverbote und politische Repression prägten die Zeit. Wallner war engagiert, nonkonformistisch, unbequem.
Irland lernte er 1981 auf einer Radtour kennen. Der entscheidende Moment kam in Connemara: Ein alter Farmer trieb im Abendlicht seine einzige Kuh nach Hause. „Das war eine Eingebung“, sagt Wallner. Ein Bild des bescheidenen Lebens, das ihn nicht mehr losließ. Er hatte in Deutschland alles – Wohnung, Autos, Sicherheit – und ließ es zurück. Nicht aus rationaler Überlegung, sondern aus innerem Ruf.
1984 reiste er gezielt die gesamte Westküste Irlands ab, auf Landsuche. In Donegal waren die Häuser zu karg, dann blieb er hier hängen. In einem Auktionsschaufenster sah er ein Foto dieses Hauses. „Der Ort hat mich eingeladen zu bleiben.“ Obwohl er es sich kaum leisten konnte, ersteigerte er es aus Deutschland heraus für umgerechnet 50.000 D-Mark – finanziert über einen hoch verzinsten Kredit. Drei Winter lang arbeitete er in der Toskana im Straßen- und Gartenbau, pflegte Olivenhaine, um ihn abzuzahlen.
Diese Arbeit führte ihn zurück zur Erde. Nach der Rückkehr nach Irland arbeitete er zunächst als Fliesenleger, später folgte die nächste Eingebung: ein Leben, das ökologisch sinnvoll, seelisch stimmig und naturverbunden ist. 1991 gründete er Cornucopia Ireland – das „Füllhorn“. Heute betreibt Wallner Garten- und Landschaftsbau mit Schwerpunkt Obstbau. Er pflanzt und pflegt Obstgärten, verkauft Obstbäume, handelt mit Geräten. Mundpropaganda trägt sein Geschäft.
Reich wird er damit nicht. Sein Einkommen liegt im unteren Bereich, das Haus ist renovierungsbedürftig, fließendes Trinkwasser gibt es bis heute nicht. Wasser schöpft er aus dem Bach – ein tägliches Ritual. Strom bekam er erst 2005, zuvor arbeitete er bei Kerzenlicht. „Das war ein Privileg“, sagt er. „Wie in einem alten Film.“
Und doch hatte er vor Kurzem ernsthaft vor, alles zu verkaufen. Die Immobilienpreise waren hoch, in Deutschland hätte er mit dem Erlös komfortabel leben können – vielleicht in einer Gemeinschaft, die das Älterwerden leichter macht. Zwei Tage vor dem Verkauf brach er zusammen. Körperlich, energetisch. „Der Ort hat mich nicht losgelassen.“ Unter Tränen verabschiedete er sich – von den Bäumen, vom Wind, von den Fledermäusen. Und blieb.
Einsamkeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Wallner bezeichnet sich selbst als Eremiten. Die Stille, das Gespräch mit Wind, Wasser und Tieren, ist für ihn existenziell. Viele Menschen, die ihn besuchen, halten das nicht aus. „Die Nachrichten, die aus der Stille kommen, machen Angst.“ Nach ein, zwei Tagen fahren sie wieder. Wallner bleibt. Einsamkeit ist für ihn kein Mangel, sondern eine Kraftquelle.
Er weiß um die Härte dieses Lebens. Er sieht Nachbarn, die alt geworden sind, deren Höfe verfallen, die keine Kraft mehr haben. Er kennt die Bürokratie, die steigenden Lebenshaltungskosten, den Druck, leisten zu müssen. Und dennoch ist er hier tief verwurzelt. Die Menschen im Ort akzeptieren ihn, schätzen ihn, kommen zu ihm, wenn sie Hilfe brauchen oder einen guten Brief formuliert haben. Als bekannt wurde, dass er verkaufen wollte, hatten manche Tränen in den Augen.
Einmal erlebte er einen Tornado. Der Wind riss ihn fast um, Bäume stürzten, Seen wurden leer gesaugt. In diesem Moment verfluchte er Gott – und entschuldigte sich später. „Das war eine Lektion in Kleinheit.“ Seitdem ist er noch bescheidener geworden.
Hans Wallner lebt zwischen Rückzug und Teilhabe, zwischen Geschäft und Kontemplation. Er glaubt, dieser Ort sei ein Tor – zu jener Welt, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren. „Seit 1984 bin ich auf dieser Wanderschaft“, sagt er. Den Weg bestimmt er nicht allein. Er hört auf den Ruf.
Und solange der Wind spricht, bleibt er.
Eine Lektion in Kleinheit.








