Laura Gallagher. Derry.

Zwischen Nachtschichten und Freiheit

Nachts fährt Laura Gallagher manchmal allein mit dem Auto durch Derry. Entlang des Foyle, vorbei an der Quayside, wo sich die Lichter der Stadt im Wasser spiegeln. Um diese Uhrzeit wird es ruhiger, weiter, klarer. „Dann sortiert sich alles“, sagt sie. Es sind kurze Fahrten, keine Flucht – eher ein Innehalten zwischen zwei vollen Tagen.

Lauras Alltag ist dicht. Sie lebt mit ihrem Mann Mark und den beiden Söhnen Jonas (13) und Christopher (9) in Nordirland. Mark ist Taxifahrer, arbeitet oft nachts, ruhig und empfindsam, wie Laura sagt, und besucht tagsüber die Universität. Laura selbst studiert Krankenschwester und arbeitet im Krankenhaus in Zwölf-Stunden-Schichten – von 7.30 bis 19.30 Uhr. „Mir ist die Arbeit total wichtig“, sagt sie. Es klingt nicht nach Rechtfertigung, sondern nach Haltung. Arbeit ist für sie Identität, Struktur und Sinn.

Auswandern war für Laura kein radikaler Bruch, sondern eine Fortsetzung familiärer Bewegung. Ihre Mutter ist Italienerin und ging mit ihrem Mann nach Deutschland. Migration gehörte immer schon zur Familiengeschichte. Auch in Marks Familie ist sie selbstverständlich: Eine Tante wanderte nach Amerika aus, sein Vater nach England. Die Wurzeln der Familie liegen in Donegal. Und doch wurde Laura hier gefragt, warum sie als Deutsche nach Irland gekommen sei – wo doch so viele von hier weggehen. „Die Frage hat mich schon beschäftigt“, sagt sie. Sie berührt einen Kern: Wer geht, und wer bleibt – und warum?

Eine ihrer ersten direkten Konfrontationen mit kulturellen Unterschieden kam unerwartet persönlich. Der Schwiegervater fragte sie: „Bist du katholisch?“ Für Laura war das ein Moment des Innehaltens. Herkunft, Religion, Zugehörigkeit – all das wird hier anders verhandelt als in Deutschland. Ihre Kinder besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, wachsen aber ganz selbstverständlich in diesem nordirischen Umfeld auf.

Zuhause fühlt Laura sich heute in Derry. Wenn sie nach Deutschland fährt, merkt sie: „Das ist es nicht mehr.“ Und doch vermeidet sie endgültige Festlegungen. „In fünf Jahren kann alles anders sein“, sagt sie. Diese Offenheit gehört zu ihrem Selbstverständnis. Sie mag Marks Familie, schätzt ihre Unterstützung sehr – ohne sie, sagt Laura offen, ließen sich Arbeit, Studium und Familie kaum miteinander vereinbaren. Gleichzeitig empfindet sie nicht jene selbstverständliche Nähe, wie sie in großen irischen Familien oft gelebt wird. Auch das akzeptiert sie.

Was Laura sucht, ist kein Abenteuer, sondern Verlässlichkeit. „Ich sehne mich nach einem geregelten Leben“, sagt sie – nach Strukturen, die andere vielleicht langweilig nennen würden. Das Wochenende folgt deshalb einfachen Ritualen: Schwimmbad, Wald, Strand, oft in Buncrana. Kino mit Mark, am liebsten Komödien, keine Romanzen. Danach essen gehen, Inder oder etwas anderes Unkompliziertes. Einkaufen bei Tesco’s, Christopher von der Schule abholen, Zugfahrt nach Coleraine – „ab ins Wochenende“.

Seit sie hier lebt, hat sich ihr Blick auf sich selbst verändert. „Ich mag mich“, sagt sie. Und: „Ich traue mich, Frau zu sein.“ In Deutschland sei sie in der Schule nicht besonders gut gewesen, habe sich oft klein gefühlt. In der Fremde sei sie über ihren Schatten gesprungen. „Ich fühle mich freier, weniger beobachtet.“ Vielleicht erklärt das auch den hektischen Eindruck, den sie manchmal macht – ein Getriebensein, das im Krankenhaus verschwindet. Als Krankenschwester kann Laura zuhören. Wirklich zuhören.

Abends, wenn die Kinder im Bett sind, wird die Küche zum Lernort. Bücher, Notizen, ein stiller Tisch. Tagsüber Uni und Klinik, abends Studium, dazwischen Familie. Es ist kein spektakuläres Leben, kein Aussteigertraum. Aber eines, das trägt. „Es fühlt sich richtig an“, sagt Laura – zumindest jetzt.

Und vielleicht ist genau das ihr Verständnis von Zuhause: kein endgültiger Ort, sondern ein Moment, in dem Arbeit, Freiheit und Verantwortung für einen Augenblick zusammenpassen.

Laura Gallagher. Derry.

The Town I Love So Well